Warum ich mit Kyudo begonnen habe #
Es vielleicht ein bisschen peinlich, aber ich habe gar nicht bewusst nach Kyudo gesucht - Kyudo hat mich gefunden. Ich war gerade nach Mainz in ein Haus mit einem alten Gewölbekeller gezogen.
Nachdem ich den Keller eine Weile angeschaut hatte, dachte ich, das wäre der perfekte Ort um ab und zu mit meinem Bogen zu schießen. Bis dahon hatte ich ihn praktisch nie nutzen können, weil ich die bisherigen Mietswohnungen zu klein und Draußen zu gefährlich war. Es gab nur ein kleines Problem: Wo kann man ein Hartschaumziel kaufen? Ich stellte eine Internetsuche auf Mainz und gab “Bogensport” ein. Umweit meines Wohnorts war da ein Kartenpin namens Kyudo Mainz. “Mhmm, was ist das? Interessant.” Diese Frage war der Ausgangspunkt meiner Reise.
Am Ende habe ich tatsählich auch eine Zielplatte gekauft, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Meine Schießbahn im Keller
Was mir Kyudo bedeutet #
Der einzige Referenzpunkt, den ich vor dem Verein hatte, war das bekannte Buch von Herrigel1. Entsprechend glaubte ich, im Kyudo ginge es vor allem um Mystik, Spiritualität, Zen Buddhismus und eine Dosis New Age Paperlaquatsch. Nichts davon spricht mich besonders an, um es höflich auszudrücken. Bis auf eines: Meditation durch intentionelles Handeln.
In meinen frühen Teenagerjahren habe ich modernen Olympischen Bogensport gemacht und ich habe schöne Erinnerungen an den “Flow”. Ein Zustand, bei dem der Geist leer und voll ist - so sehr auf einen bestimmten Bewegungsablauf konzentriert, dass kein unnötiger Gedanke das Bewustsein stören kann. Ich dachte, vielleicht würde ich im Kyudo dieses Gefühl einmal wieder erleben können. Ich würde bloß den Esoterik-Kram ausblenden oder erdulden müssen.
Glücklicherweise lag ich gleichzeitig richtig und grundfalsch. Falsch, weil Herrigel ein Stümper war und die tatsächlichen Lehren von Kyudo nur sehr wenig mit seinem Schreiben zu tun haben. Im Kyudo der Heki Ryu Insai Ha Schule habe ich keinen Mystizismus gefunden, sondern robuste und effiziente Technik. Wie man den mächtigsten Treffer in einem Ziel erzeugt, mit der größen Präzision und dabei am wenigsten Ausdauer verbraucht. Die Lehre ist rational und evidenzbasiert.
Ich lag aber richtig darin, dass ich im Kyudo den Flow Zustand wieder finden würde. Dieser Flow ist für mich auch das anziehendste an dieser Kampfsportart. In jeder Bewegung ist Intention, nichts ist überflüssig oder beliebig. Es ist leicht in einen Bewegungsflow zu kommen. Und gleichzeitig gibt es einen wachsamen Prüfer - unbefangen, unbarmherzig und gerecht: Der Bogen in deiner Hand. Die Antwort auf jeden Fehler ist unmittelbar und man kann niemandem die Schuld geben als sich selbst.
Mein erster Wettkampf
Teilnahme an einem Vortrag von Fritz Eicher
Makiwara Sharei mit Kurosu Ken Sensei erlernen
Meine Kyudo “Karriere” #
Ich began mit dem Training im März 2024. Nach drei Monaten fleißigem Üben, zwei Vereinstreffen in der Woche am Makiwara, dazwischen Üben mit der Zwille un einem detaillierten Trainingstagebuch, fragte ich, ob ich die erste Prüfung ablegen könnte. In Deutschland gibt es für Anfänger Kyu-Grade. Diese beginnen bei 5 steigen ab bis 1. Danach ist man bereit, sich der Prüfung für den ersten Dan zu stellen.
Nachdem ich den 5. Kyu Grad erlangt hatte, betrachtete ich mich nicht mehr als Gast. Deshalb wurde ich vollwertiges Mitglieg im Verein, kaufte mir Hakama und Doggi und trainierte weiter. Heute habe ich den 3. Kyu Grad und werde im Frühjahr nächsten Jahres versuchen, den 2. zu erreichen.
Ich versuche so viel über Kyudo zu lernen, wie ich kann. Dazu lese ich viel, nehme an Lehrgängen und Workshops teil, besuche Vereine in Deutschland und spreche mit unterschiedlichen Lehrern. Es gibt immer noch neues zu erfahren.
Dieser Blog #
Schon von Anfang an gab es immer wieder Dinge, die ich brauchte oder wollte, aber nur schwer zu finden waren. Entweder konnte man sie nicht außerhalb von Japan kaufen oder sie waren sehr teuer. Also habe ich vieles einfach selbst gebaut. Jetzt, im Rückblick auf den großen Haufen selbgebauter Dinge denke ich: Vielleicht können davon auch andere profitieren - Entweder, indem sie es mir nachmachen, von mir inspiriert werden oder auch, indem sie die Fehler vermeiden, die ich bereits gemacht habe. Lasst uns gemeinsam Kyudo Dinge bauen!
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E. Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschießens (München 1951). ↩︎